„Nur wer arbeitet, soll auch essen!“

In der VWL und der Soziologie ist Arbeitslosigkeit ein Standardthema. Insbesondere in Krisenzeiten häufen sich die Publikationen. Doch nicht so in der kulturgeschichtlich geprägten Geschichtswissenschaft. Arbeit und „der Arbeiter“ waren zwar ein zentrales Thema der Sozialgeschichte in den 60er und 70er Jahren, Arbeitslosigkeit und Arbeitslose wurden hingegen nur kurz nach der Krise von 1974/75 erforscht. Dabei erschlossen Historiker v.a. die große Depression nach 1929. Doch abseits der Weltwirtschaftskrise ist die deutsche und europäische Geschichte der Arbeitslosigkeit bis heute so gut wie gar nicht aufgearbeitet.

Gleichzeitig verdeutlicht ein Blick auf die Austeritätspolitik oder die Debatte um die fortschreitende Automatisierung („Second Machine Age“) sowie auf die Globalisierung der Wirtschaft, dass Arbeitslosigkeit ein entscheidendes Thema der nächsten Jahre und Jahrzehnte sein wird. Zudem verankerte sich mit den Hartz-Reformen der Agenda 2010 ein von Klassismus und Abstiegsängsten getragenes Stereotyp des faulen Arbeitslosen. Die Ächtung der Arbeitslosen greift das Symposium prominent auf, indem es das Zitat des ehemaligen SPD-Bundesvorsitzenden Franz Münteferings „Nur wer arbeitet, soll auch essen“ im Titel aufnimmt.

Mit unserem nun 4. Symposium: „Nur wer arbeitet, soll auch essen.“ Zur Kultur- und Sozialgeschichte der Arbeitslosigkeit wollen wir diesen Mangel angehen und wagen zugleich einen neuen Schritt: Zum einen planen wir den Ausbau des Symposiums auf zwei Tage, zum anderen wollen wir Geschichtswissenschaft und Politik stärker miteinander verbinden. Das Symposium wird am 23. und 24. Juni 2017 in den Räumen der Universität Bamberg abgehalten.

Das Symposium hat die Historisierung des politischen Umgangs sowie der milieuspezifischen Deutung Arbeitsloser und der Arbeitslosigkeit zum Ziel und verknüpft die Kultur der Arbeitslosigkeit dazu eng mit der Geschichte politischer Ökonomie. Zudem konzipieren wir im Rahmen der Tagung einen Stadtrundgang zu historischen Orten Subalterner in der Stadt Bamberg und wollen gegenwärtigen Arbeitslosenorganisationen und -initiativen die Möglichkeit sich vorzustellen geben. Wir verstehen die Tagung als Geschichtswissenschaft im kritischen Sinn, insofern a) durch das Historisieren der Gegenwart Selbstverständlichkeiten sowie Stereotype gegen Arbeitslose aufgebrochen und in ihrer Verbindung mit der Entwicklung politischer Ökonomie aufgezeigt werden sowie b) die gesellschaftliche Handlungsfähigkeit und Wirksamkeit von Arbeitslosen herausgearbeitet wird. Durch das Verknüpfen historischen Wissens mit politischen Handlungsräumen und Zumutungen von Arbeitslosen in der Gegenwart wollen wir proaktiv in gesellschaftliche Debatten zum Thema Arbeitslosigkeit und Arbeitslose eingreifen.

Um die Tagung zu finanzieren, sind wir derzeit in Gespräch mit mehreren Stiftungen. Sobald das Finanzielle stimmt, werden wir uns mit ein Call melden.

Mit besten Grüßen
AK Kritische Geschichte