Call for Abstracts | „Nur wer arbeitet, soll auch essen.“ Zur Kultur- und Sozialgeschichte der Arbeitslosigkeit

Der AK Kritische Geschichte lädt zur Tagung „Nur wer arbeitet, soll auch essen.“ Zur Kultur- und Sozialgeschichte der Arbeitslosigkeit am 23./24. Juni 2017 an der Universität Bamberg ein und ruft zum Einsenden von Abstracts für Vorträge auf. [1] Einsendeschluss für die Abstracts ist der 31. März 2017.

Arbeitslosigkeit als Thema der Geschichtswissenschaften

Ein Blick auf die kurz- und mittelfristigen Folgen der Austeritätspolitik, auf die Debatte um die fortschreitende Automatisierung („Second Machine Age“, bzw. Arbeit 4.0) sowie auf die Globalisierung der Wirtschaft verdeutlicht, dass Arbeitslosigkeit ein entscheidendes Thema der nächsten Jahre und Jahrzehnte sein wird. Mit den Hartz-Reformen der Agenda 2010 fand ein von Klassismus und Abstiegsängsten getragenes Stereotyp des faulen Arbeitslosen auftrieb [2].

Dabei begann die Abwertung der Arbeitslosen als „arbeitsscheues Gesindel“ spätestens infolge der Aufklärung und der kapitalistischeren Produktionsverhältnisse. Obwohl Arbeitslosigkeit ein klassisches Forschungsfeld der VWL und der Soziologie ist, bleibt die Sozial- und Kulturgeschichte der Arbeitslosigkeit und vielmehr noch der Arbeitslosen ein Desiderat. Dabei besitzt insbesondere die Geschichtswissenschaft a) das Potential, die historische Konstruktion gegenwärtiger Stereotype gegenüber Arbeitslosen zu hinterfragen und bietet b) die Möglichkeit, historische Vorläufer im Sinne eines Problemzusammenhangs auf gegenwärtigen Umgang mit Arbeitslosen und Arbeitslosigkeit zu beziehen. Damit erzeugt die Geschichtswissenschaft im Sinne einer Geschichte der Gegenwart notwendiges historisches Wissen zur Dekonstruktion von Stereotypen und eröffnet politische Handlungsmöglichkeiten.

Fragestellungen der Tagung

Die Tagung hat zum einen die Historisierung des aktuellen politischen Umgangs sowie der Deutung von Arbeitslosen und Arbeitslosigkeit zum Ziel. Arbeitslosigkeit ist struktureller Bestandteil kapitalistischer Verhältnisse und auch den ökonomischen Schwankungen unterlegen. Vor diesem Hintergrund erhält die Betrachtung des Zusammenhangs von politischer Ökonomie, Entwicklungen des Kapitals und dem Mentalitätswandel in Bezug auf Arbeitslose und Arbeitslosigkeit besondere Bedeutung. Zum Beispiel: Wie veränderte sich der Blick auf die Arbeitslosigkeit infolge des Gründerkrachs und dem Niedergang des Manchesterliberalismus? Welche Mittel staatlicher Interventionen zur Regulierung der Arbeitslosigkeit und zur „Disziplinierung“ Arbeitsloser wurden im Pauperismus während der ersten Phase der Industrialisierung ergriffen – und welche Mentalität lag den Vorschlägen zugrunde?

Außerdem sollen Beiträge der Tagung die Selbstsicht und historischen Handlungsfelder von Arbeitslosen aufzeigen. Während Arbeiter_Innen ihre Arbeit als politisches Kampfmittel einsetzen konnten und ihr Selbstverständnis darauf gründeten, blieb Arbeitslosen dieses Instrument verwehrt. Als pauperisiertes „Lumpenproletariat“ waren sie bestenfalls in der Peripherie der Arbeitersolidarität angesiedelt. Inwiefern erklärten sich Arbeitslose ihre eigene soziale Situation und welche Mittel politischer Agitation setzten sie ein, um die aus ihrer Perspektive gewonnenen politischen Ziele zu erreichen? So könnte man fragen, ob sich ein Aufblühen von Organisationsformen für Arbeitslose etwa während der großen Depression von 1929 zeigte? Oder welchen Anteil und welche Forderungen hatten Arbeitslose in der Revolution von 1848? Welche Hoffnungen wurden mit dem „Recht auf Arbeit“ bzw. mit dem „Lob der Faulheit“ (Paul Lafargue) verbunden?

Tagungsrahmen

Die Tagung findet am 23./24. Juni in den Räumen der Universität Bamberg statt. Im Vorfeld der Tagung wird ein historischer Stadtrundgang zu Orten Subalterner in der Stadt Bamberg erarbeitet und an einem der beiden Tage angeboten. Im Sinne einer Geschichte der Gegenwart werden auch gegenwärtige Arbeitslosenorganisationen und Initiativen eingeladen und ihnen die Möglichkeit gegeben sich vorzustellen.
Eine Publikation der Tagungsbeiträge in Form eines Sammelbands ist geplant.

Teilnahme

Wir rufen zur Einsendung von Abstracts (ca. 500 Worte) für die Tagung „Nur wer arbeitet, soll auch essen.“ Zur Kultur- und Sozialgeschichte der Arbeitslosigkeit bis zum 31. März 2017 auf. Abstracts sind vorzugweise per E-Mail an: geschichtssymposium[at]gmail.com zu senden.

Studierende und Nachwuchswissenschaftler_innen, die aus historischer Perspektive zum Thema arbeiten sind explizit zur Einsendung von Abstracts aufgerufen. Unsere Tagung soll eine Plattform für alle sein, die gerne ohne die „Pflege der feinen Unterschiede“ [3] ihre Forschungsarbeiten präsentieren und diskutieren möchten. Da die Tagung von den Beiträgen ihrer Referent_innen lebt, freuen wir uns auf dein Interesse.
Die Tagung ist allen interessierten offen und kostenlos. Teilnehmer_innen der Tagung mit eigenem Beitrag erhalten eine Aufwandsentschädigung für Unterkunft und Fahrt während der Tagung.

AK Kritische Geschichte

[1] Der AK Kritische Geschichte ist ein Projekt des AStA Bamberg e.V.. Die Tagung wird in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Petra-Kelly-Stiftung ausgerichtet.
[2] Fritzsche, Julia; Dörfler, Sebastian: Die Verachtung der Armen. Vom Bild des faulen Arbeitslosen zur Figur des »Asylschmarotzers«, in: Blätter 3/16. https://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2016/maerz/die-verachtung-der-armen
[3] Hornuff, Daniel: Schafft die Vorträge ab, in: Zeitcampus, 6./9. Oktober 2016. http://www.zeit.de/2016/40/tagung-vortraege-forscher-professoren-rituale


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