Abstracts | Tagung Kultur- und Sozialgeschichte der Arbeitslosigkeit

Als Ergänzung zu dem Tagungsprogramm findest Du im folgenden Abstracts zu den geschichtswissenschaftlichen Vorträgen der Tagung.

Freitag, 23. Juni

10:15 Uhr: Marcel Korge, Leipzig
Unterstützung, Reglementierung und Sanktionierung. Die Ausgestaltung des Systems sozialer Sicherung bei „Arbeitslosigkeit“ durch die vormodernen Handwerksorganisationen.

Viele der sozialen Funktionen des „alten Handwerks“ standen bereits umfassend im wissenschaftlichen Fokus. Dies trifft nicht in gleichem Maße auf soziale Sicherungsmaßnahmen im Falle von Arbeitslosigkeit zu. Vor allem die Gesellenverbände entwickelten spätestens seit dem ausgehenden Mittelalter und verstärkt in der frühen Neuzeit Normen und Praktiken für den Umgang mit ihren zeitweise oder dauerhaft arbeitslosen Gruppenmitgliedern. Anhand von Beispielen ausgewählter sächsischer Gesellenorganisationen aus etwa dreihundert Jahren (Anfang 16. bis Anfang 19. Jahrhundert) wird beleuchtet, wie man mit jenen Gesellen umging, die aus ökonomischen, gesundheitlichen oder anderen Gründen keine Beschäftigung erhielten.

11:00 Uhr: Jan Markert, Bamberg
„mußte erst der Souverain verwundet werden ehe solche Maßregeln erreicht werden konnten!“ Kaiser Wilhelm I. und die Soziale Frage im Deutschland des späten 19. Jahrhunderts

Für Kaiser Wilhelm I., eine oft unterschätzte Persönlichkeit der jüngeren deutschen Geschichte, war die Lösung der Sozialen Frage eine Überlebensfrage des jungen Deutschen Reiches: Dabei interessierte ihn weniger die Beseitigung sozialer Missstände wie Armut und Arbeitslosigkeit – das war in seinen Augen Sache der Kirchen – als vielmehr der Kampf gegen sozialistische und revolutionäre Ideen. Das 1878 verabschiedete Sozialistengesetz war ebenso das Kind des Kaisers, wie es das des Reichkanzlers Otto von Bismarck war. Die Einstellung des Monarchen war repräsentativ für den allgemein im Kaiserreich verbreiteten Glauben, dass soziale Not ein individuelles und kein gesellschaftliches Problem war.

13:45 Uhr:Harald Rein, Frankfurt
„…denn das Stempeln is uns lieber, als das Schuften auf der Welt!“ Organisation und Selbstorganisation Erwerbsloser in der Weimarer Republik.

In der Zeitspanne von 1918 bis 1935 gab es, neben den Organisationsansätzen von kommunistischen oder linkssozialistischen Parteien, immer wieder ungeregelte und unorganisierte Handlungsweisen von Erwerbslosen. So kam es vor den Arbeitsnachweisen und Wohlfahrtsämtern nicht selten (besonders am Ende der Weimarer Republik) zu individuellen Wutausbrüchen, die oft zu kollektiven Solidaritätsbekundungen wurden. Darüber hinaus lassen sich spontane Zusammenschlüsse und gemeinsame
(Über-)Lebensstrategien von Erwerbslosen (z.B. Subsistenzbeschaffungen, Verhinderungen von Zwangsräumungen) identifizieren, entwickelten sich eigenständige Selbstorganisationsansätze, besonders von jugendlichen Erwerbslosen („Wilde Cliquen“) und gab es schließlich unorganisierte Proteste gegen Pflichtarbeit, Notstandsarbeit und Arbeitsdienst, die auch in den Anfangsjahren des Nationalsozialismus eine gewisse Rolle spielten.

14:30 Uhr Jule Ehms, Bochum
„Erwerbslose! Auf zur Solidarität!“ Thesen zur gewerkschaftlichen Organisierung von Erwerbslosen durch die Freie-Arbeiter-Union Deutschlands (Anarcho-Syndikalisten).

Die mitunter hohe Arbeitslosigkeit in den Weimarer Jahren stellte die damalige Gewerkschaftsbewegung vor hohe organisatorische Schwierigkeiten:
Mitglieder traten aus den Verbänden aus und Beitragszahlungen sanken; gleichzeitig stieg jedoch die Bedürftigkeit der ArbeiterInnen. Zudem konnten Streiks durch die hohe Anzahl „arbeitswilliger“ Erwerbslose leichter gebrochen werden. Aus diesen Gründen war die politische Einbindung erwerbsloser ArbeiterInnen ein wesentliches Thema innerhalb der Gewerkschaften – auch für die anarcho-syndikalistische Freie Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD). Die FAUD nimmt aufgrund ihres basisdemokratischen und klassenkämpferischen Anspruchs eine gewisse Sonderrolle neben den sozialdemokratischen und kommunistischen Gewerkschaften ein. Einige Ansätze der FAUD zur Organisierung von Erwerbslosen, insbesondere aus den Anfangsjahren, werden unter Hinzuziehung des anarcho-syndikalistischewn Gewerkschaftskonzepts im Vortrag vorgestellt.

15:30 Uhr Nikolas Lelle, Berlin
„Ich könnte nicht ohne Arbeit sein“ Der Nationalsozialismus und sein Hass auf Arbeitslosigkeit und Nicht-Arbeit

Die Verachtung von Arbeitslosigkeit hat in Deutschland Tradition. Im Spiegel dessen, was als Arbeit gilt, zeigt sich wie Arbeitslosigkeit und Nicht-Arbeit gezeichnet und negativ besetzt werden. In der deutschen Arbeitsauffassung, die im Nationalsozialismus ihren radikalsten Ausdruck findet, spielt das Ideologem „deutsche Arbeit“ eine zentrale Rolle. Durch Nationalisierung und Naturalisierung von Arbeit wird ein Ethos propagiert, das ausschließt und sich repressiv nach innen kehrt. Der Vortrag möchte versuchen die nationalsozialistische Unterscheidung von Formen von Arbeitslosigkeit und Nicht-Arbeit nachzuzeichnen und sie in ihren ideologischen Kontext einzuordnen.

16:15 Uhr Yves Müller, Hamburg
„Menschen ohne Glück, ohne Arbeit und Brot“? zur Inszenierung von Arbeit und Erwerbslosigkeit in der nationalsozialistischen Sturmabteilung (SA) 1930-1941 unter männlichkeitenhistorischer Perspektive

Lohnarbeit und Erwerbslosigkeit formten zentrale Momente in dem nationalsozialistischen Selbstverständnis und den Selbstbeschreibungen vieler SA-Angehöriger. So stellte ‚Deutsche Arbeit’ einen ethischen Leitbegriff, eine völkisch inklusive Rahmung dar, mit welcher der ‚Wert’ eines Menschen definiert werden sollte. In dem Vortrag soll anhand der politischen Lebensläufe von SA-Angehörigen nicht nur die Bedeutung von Lohnarbeit und Erwerbslosigkeit in der ‚Bewegungsphase‘ insbesondere im Zuge der Weltwirtschaftskrise ab 1929/30 als ‚Krise der Männlichkeit‘ aufgezeigt werden. Nach der Machtübernahme sah sich die SA in der Rolle der Arbeitsvermittlerin und spielte im Zweiten Weltkrieg ebenso eine Rolle beim ‚Osteinsatz‘, in dem das nationalsozialistische Verständnis von ‚deutscher Arbeit‘ mit dem kolonialen Eroberungsstreben kulminierte. Mittels einer männlichkeitenhistorischen Perspektive wird der Vergeschlechtlichung des Arbeitsbegriffs am Beispiel der SA nachgespürt.

Samstag, 24. Juni

9:00 Uhr Marc Malischke, Bamberg
Arbeitslose in der Wirtschaftswunderökonomie? Erwerbslosigkeit zwischen Ausblendung und Steuerungshybris in der westdeutschen Nachkriegsökonomik und Wirtschaftspolitik 1948-1973.

Die Wirtschaftspolitik und die dahinterstehenden ökonomischen Theorien der sog. Wirtschaftswunderzeit sind durch zwei Bewegungen geprägt. Zunächst beherrschten unter Ludwig Erhard ordoliberale Ansätze die Wirtschafts- und damit Arbeitslosenpolitik. Nach der (wirtschafts-) politischen Zäsur 1966 sind es die Machbarkeitsvorstellungen der globalen Steuerung der Wirtschaft nach keynesianistischer Rezeptur Karl Schillers. Der Vortrag diskutiert den Wandel der Rolle der Arbeitslosigkeit in der Nachkriegsökonomik und den daraus folgenden wirtschaftspolitischen und institutionellen Konsequenzen für Erwerbslose in der BRD zwischen 1948 und 1973.

9:45 Uhr Benjamin Bauer, Bamberg
Arbeitszwang als Instrument der Vergangenheitspolitik? Das ehemalige KZ Dachau im Postfaschismus

1948 beschließt der Bayerische Landtag einstimmig, das ehemalige KZ Dachau als Arbeitslager zur „Umerziehung von arbeitsscheuen Elementen zu willig arbeitenden Menschen“ zu nutzen. Zwischenzeitlich wurde es von der US-Militärregierung als Internierungslager für Angehörige der Waffen-SS und NS-Funktionäre sowie als Ort für Kriegsverbrecherprozesse genutzt. Der Vortrag diskutiert, inwiefern mit dem nicht durchgesetzten Beschluss Herrschaft gegenüber Arbeits- und Erwerbslosen mit der Rückgewinnung vergangenheitspolitischer Deutungshoheit über das ehemaligen KZ Dachau kombiniert werden sollte.

10:45 Uhr Sebastian Friedrich, Duisburg-Essen
Am Vorabend des Neoliberalismus: Der Arbeitslos*-Diskurs in der jungen Bundesrepublik am Beispiel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ)

Seit den 1970er Jahren ist in (West-)Deutschland der Diskurs um Arbeitslosigkeit und Arbeitslose geprägt von der Annahme, für das Problem der Arbeitslosigkeit seien die Arbeitslosen selbst verantwortlich. Diskursiver Anker ist das Stereotyp des faulen Arbeitslosen. Die ersten entsprechenden Debatten gibt es in der BRD ab Mitte der 1970er Jahre. Der Vortrag blickt auf die Zeit vor den ersten Faulheitsdebatten und fragt, wie Arbeitslose und Arbeitslosigkeit im Vorfeld problematisiert wurden.

11:30 Uhr Kyra Palberg, Duisburg-Essen
Praktiken des Nichtstuns. Konstruktionen von Arbeitslosen in der Meinungsforschung

Seit den 1980er Jahren wird Arbeitslosigkeit in den bundesdeutschen Printmedien zunehmend gruppenbezogen und in Bezug zur subjektiven Leistungsbereitschaft verhandelt. Das Bestimmen sogenannter „Problemgruppen“ ruft auch in der Meinungsforschung ein breiteres Interesse an Arbeitslosen hervor. Innerhalb der demoskopischen Berichte werden vermeintliche Praktiken wie das Rauchen von Zigaretten oder Fernsehen über einen längeren Zeitraum zu Merkmalen nicht-arbeitender Subjekte und zu Sinnbildern für Praktiken des ‚Nichtstuns‘, die oppositionell zum intentionalen Handeln stehen und auf eine mangelnde Selbstvorsorge verweisen. Mit der Analyse der regelmäßigen demoskopischen Berichte über Arbeitslosigkeit möchte ich nach Diskursivierungen sozialer Praktiken und damit einhergehend nach sich zunehmend manifestierenden (Körper-)Bildern von Arbeitslosen fragen.


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