Symposium 2017

Flyer zur Tagung | Kultur- und Sozialgeschichte der Arbeitslosigkeit

Das Faltblatt ist fertig und geht bald in den Druck. Hier aber schon die Voransicht:

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Edit:
a) Fabian Braendle musste leider krankheitsbedingt absagen. Glücklicherweise konnten wir Jule Ehms von der Ruhr-Uni-Bochum dazu gewinnen, einen Teilaspekt ihres Dissertationsprojekts vorzustellen. Sie wird über den Ort Arbeitsloser in der Ideologie und der Kampagnenarbeit der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft FAUD während der Weimarer Republik referieren.

b) Leider hat ein großer Teil der Studierenden ihr Angebot, Poster während der Tagung vorzustellen, zurückgezogen. Die Vernissage ist deshalb abgesagt.

Abstracts | Tagung Kultur- und Sozialgeschichte der Arbeitslosigkeit

Als Ergänzung zu dem Tagungsprogramm findest Du im folgenden Abstracts zu den geschichtswissenschaftlichen Vorträgen der Tagung.

Freitag, 23. Juni

10:15 Uhr: Marcel Korge, Leipzig
Unterstützung, Reglementierung und Sanktionierung. Die Ausgestaltung des Systems sozialer Sicherung bei „Arbeitslosigkeit“ durch die vormodernen Handwerksorganisationen.

Viele der sozialen Funktionen des „alten Handwerks“ standen bereits umfassend im wissenschaftlichen Fokus. Dies trifft nicht in gleichem Maße auf soziale Sicherungsmaßnahmen im Falle von Arbeitslosigkeit zu. Vor allem die Gesellenverbände entwickelten spätestens seit dem ausgehenden Mittelalter und verstärkt in der frühen Neuzeit Normen und Praktiken für den Umgang mit ihren zeitweise oder dauerhaft arbeitslosen Gruppenmitgliedern. Anhand von Beispielen ausgewählter sächsischer Gesellenorganisationen aus etwa dreihundert Jahren (Anfang 16. bis Anfang 19. Jahrhundert) wird beleuchtet, wie man mit jenen Gesellen umging, die aus ökonomischen, gesundheitlichen oder anderen Gründen keine Beschäftigung erhielten.

11:00 Uhr: Jan Markert, Bamberg
„mußte erst der Souverain verwundet werden ehe solche Maßregeln erreicht werden konnten!“ Kaiser Wilhelm I. und die Soziale Frage im Deutschland des späten 19. Jahrhunderts

Für Kaiser Wilhelm I., eine oft unterschätzte Persönlichkeit der jüngeren deutschen Geschichte, war die Lösung der Sozialen Frage eine Überlebensfrage des jungen Deutschen Reiches: Dabei interessierte ihn weniger die Beseitigung sozialer Missstände wie Armut und Arbeitslosigkeit – das war in seinen Augen Sache der Kirchen – als vielmehr der Kampf gegen sozialistische und revolutionäre Ideen. Das 1878 verabschiedete Sozialistengesetz war ebenso das Kind des Kaisers, wie es das des Reichkanzlers Otto von Bismarck war. Die Einstellung des Monarchen war repräsentativ für den allgemein im Kaiserreich verbreiteten Glauben, dass soziale Not ein individuelles und kein gesellschaftliches Problem war.

13:45 Uhr:Harald Rein, Frankfurt
„…denn das Stempeln is uns lieber, als das Schuften auf der Welt!“ Organisation und Selbstorganisation Erwerbsloser in der Weimarer Republik.

In der Zeitspanne von 1918 bis 1935 gab es, neben den Organisationsansätzen von kommunistischen oder linkssozialistischen Parteien, immer wieder ungeregelte und unorganisierte Handlungsweisen von Erwerbslosen. So kam es vor den Arbeitsnachweisen und Wohlfahrtsämtern nicht selten (besonders am Ende der Weimarer Republik) zu individuellen Wutausbrüchen, die oft zu kollektiven Solidaritätsbekundungen wurden. Darüber hinaus lassen sich spontane Zusammenschlüsse und gemeinsame
(Über-)Lebensstrategien von Erwerbslosen (z.B. Subsistenzbeschaffungen, Verhinderungen von Zwangsräumungen) identifizieren, entwickelten sich eigenständige Selbstorganisationsansätze, besonders von jugendlichen Erwerbslosen („Wilde Cliquen“) und gab es schließlich unorganisierte Proteste gegen Pflichtarbeit, Notstandsarbeit und Arbeitsdienst, die auch in den Anfangsjahren des Nationalsozialismus eine gewisse Rolle spielten.

14:30 Uhr Jule Ehms, Bochum
„Erwerbslose! Auf zur Solidarität!“ Thesen zur gewerkschaftlichen Organisierung von Erwerbslosen durch die Freie-Arbeiter-Union Deutschlands (Anarcho-Syndikalisten).

Die mitunter hohe Arbeitslosigkeit in den Weimarer Jahren stellte die damalige Gewerkschaftsbewegung vor hohe organisatorische Schwierigkeiten:
Mitglieder traten aus den Verbänden aus und Beitragszahlungen sanken; gleichzeitig stieg jedoch die Bedürftigkeit der ArbeiterInnen. Zudem konnten Streiks durch die hohe Anzahl „arbeitswilliger“ Erwerbslose leichter gebrochen werden. Aus diesen Gründen war die politische Einbindung erwerbsloser ArbeiterInnen ein wesentliches Thema innerhalb der Gewerkschaften – auch für die anarcho-syndikalistische Freie Arbeiter-Union Deutschlands (FAUD). Die FAUD nimmt aufgrund ihres basisdemokratischen und klassenkämpferischen Anspruchs eine gewisse Sonderrolle neben den sozialdemokratischen und kommunistischen Gewerkschaften ein. Einige Ansätze der FAUD zur Organisierung von Erwerbslosen, insbesondere aus den Anfangsjahren, werden unter Hinzuziehung des anarcho-syndikalistischewn Gewerkschaftskonzepts im Vortrag vorgestellt.

15:30 Uhr Nikolas Lelle, Berlin
„Ich könnte nicht ohne Arbeit sein“ Der Nationalsozialismus und sein Hass auf Arbeitslosigkeit und Nicht-Arbeit

Die Verachtung von Arbeitslosigkeit hat in Deutschland Tradition. Im Spiegel dessen, was als Arbeit gilt, zeigt sich wie Arbeitslosigkeit und Nicht-Arbeit gezeichnet und negativ besetzt werden. In der deutschen Arbeitsauffassung, die im Nationalsozialismus ihren radikalsten Ausdruck findet, spielt das Ideologem „deutsche Arbeit“ eine zentrale Rolle. Durch Nationalisierung und Naturalisierung von Arbeit wird ein Ethos propagiert, das ausschließt und sich repressiv nach innen kehrt. Der Vortrag möchte versuchen die nationalsozialistische Unterscheidung von Formen von Arbeitslosigkeit und Nicht-Arbeit nachzuzeichnen und sie in ihren ideologischen Kontext einzuordnen.

16:15 Uhr Yves Müller, Hamburg
„Menschen ohne Glück, ohne Arbeit und Brot“? zur Inszenierung von Arbeit und Erwerbslosigkeit in der nationalsozialistischen Sturmabteilung (SA) 1930-1941 unter männlichkeitenhistorischer Perspektive

Lohnarbeit und Erwerbslosigkeit formten zentrale Momente in dem nationalsozialistischen Selbstverständnis und den Selbstbeschreibungen vieler SA-Angehöriger. So stellte ‚Deutsche Arbeit’ einen ethischen Leitbegriff, eine völkisch inklusive Rahmung dar, mit welcher der ‚Wert’ eines Menschen definiert werden sollte. In dem Vortrag soll anhand der politischen Lebensläufe von SA-Angehörigen nicht nur die Bedeutung von Lohnarbeit und Erwerbslosigkeit in der ‚Bewegungsphase‘ insbesondere im Zuge der Weltwirtschaftskrise ab 1929/30 als ‚Krise der Männlichkeit‘ aufgezeigt werden. Nach der Machtübernahme sah sich die SA in der Rolle der Arbeitsvermittlerin und spielte im Zweiten Weltkrieg ebenso eine Rolle beim ‚Osteinsatz‘, in dem das nationalsozialistische Verständnis von ‚deutscher Arbeit‘ mit dem kolonialen Eroberungsstreben kulminierte. Mittels einer männlichkeitenhistorischen Perspektive wird der Vergeschlechtlichung des Arbeitsbegriffs am Beispiel der SA nachgespürt.

Samstag, 24. Juni

9:00 Uhr Marc Malischke, Bamberg
Arbeitslose in der Wirtschaftswunderökonomie? Erwerbslosigkeit zwischen Ausblendung und Steuerungshybris in der westdeutschen Nachkriegsökonomik und Wirtschaftspolitik 1948-1973.

Die Wirtschaftspolitik und die dahinterstehenden ökonomischen Theorien der sog. Wirtschaftswunderzeit sind durch zwei Bewegungen geprägt. Zunächst beherrschten unter Ludwig Erhard ordoliberale Ansätze die Wirtschafts- und damit Arbeitslosenpolitik. Nach der (wirtschafts-) politischen Zäsur 1966 sind es die Machbarkeitsvorstellungen der globalen Steuerung der Wirtschaft nach keynesianistischer Rezeptur Karl Schillers. Der Vortrag diskutiert den Wandel der Rolle der Arbeitslosigkeit in der Nachkriegsökonomik und den daraus folgenden wirtschaftspolitischen und institutionellen Konsequenzen für Erwerbslose in der BRD zwischen 1948 und 1973.

9:45 Uhr Benjamin Bauer, Bamberg
Arbeitszwang als Instrument der Vergangenheitspolitik? Das ehemalige KZ Dachau im Postfaschismus

1948 beschließt der Bayerische Landtag einstimmig, das ehemalige KZ Dachau als Arbeitslager zur „Umerziehung von arbeitsscheuen Elementen zu willig arbeitenden Menschen“ zu nutzen. Zwischenzeitlich wurde es von der US-Militärregierung als Internierungslager für Angehörige der Waffen-SS und NS-Funktionäre sowie als Ort für Kriegsverbrecherprozesse genutzt. Der Vortrag diskutiert, inwiefern mit dem nicht durchgesetzten Beschluss Herrschaft gegenüber Arbeits- und Erwerbslosen mit der Rückgewinnung vergangenheitspolitischer Deutungshoheit über das ehemaligen KZ Dachau kombiniert werden sollte.

10:45 Uhr Sebastian Friedrich, Duisburg-Essen
Am Vorabend des Neoliberalismus: Der Arbeitslos*-Diskurs in der jungen Bundesrepublik am Beispiel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ)

Seit den 1970er Jahren ist in (West-)Deutschland der Diskurs um Arbeitslosigkeit und Arbeitslose geprägt von der Annahme, für das Problem der Arbeitslosigkeit seien die Arbeitslosen selbst verantwortlich. Diskursiver Anker ist das Stereotyp des faulen Arbeitslosen. Die ersten entsprechenden Debatten gibt es in der BRD ab Mitte der 1970er Jahre. Der Vortrag blickt auf die Zeit vor den ersten Faulheitsdebatten und fragt, wie Arbeitslose und Arbeitslosigkeit im Vorfeld problematisiert wurden.

11:30 Uhr Kyra Palberg, Duisburg-Essen
Praktiken des Nichtstuns. Konstruktionen von Arbeitslosen in der Meinungsforschung

Seit den 1980er Jahren wird Arbeitslosigkeit in den bundesdeutschen Printmedien zunehmend gruppenbezogen und in Bezug zur subjektiven Leistungsbereitschaft verhandelt. Das Bestimmen sogenannter „Problemgruppen“ ruft auch in der Meinungsforschung ein breiteres Interesse an Arbeitslosen hervor. Innerhalb der demoskopischen Berichte werden vermeintliche Praktiken wie das Rauchen von Zigaretten oder Fernsehen über einen längeren Zeitraum zu Merkmalen nicht-arbeitender Subjekte und zu Sinnbildern für Praktiken des ‚Nichtstuns‘, die oppositionell zum intentionalen Handeln stehen und auf eine mangelnde Selbstvorsorge verweisen. Mit der Analyse der regelmäßigen demoskopischen Berichte über Arbeitslosigkeit möchte ich nach Diskursivierungen sozialer Praktiken und damit einhergehend nach sich zunehmend manifestierenden (Körper-)Bildern von Arbeitslosen fragen.

Tagungsprogramm: „Nur wer arbeitet, soll auch essen!“ Kultur- und Sozialgeschichte der Arbeitslosigkeit

Der AK Kritische Geschichte lädt zum 4. Nachwuchssymposium der Geschichtswissenschaften an der Universität Bamberg ein. Die Tagung findet am 23./24. Juni 2017 in den Räumen der Universität (An der Universität 2/ Raum 01.33) statt. Die Tagung richtet sich an alle, die sich geschichtswissenschaftlich wie politisch mit der Geschichte der Arbeits- und Erwerbslosen sowie der Geschichte der Arbeitslosigkeit auseinandersetzen wollen.
Die Tagung hat die Historisierung des aktuellen politischen Umgangs sowie der Deutung von Arbeits- und Erwerbslosen und Arbeitslosigkeit zum Zweck. Dementsprechend erhält erstens die Betrachtung des Zusammenhangs von politischer Ökonomie und Mentalitätswandel in Bezug auf Arbeitslose und Arbeitslosigkeit und zweitens die in Abhängigkeit zum Regime sich wandelnden Organisations- und Handlungsmöglichkeiten Erwerbs- und Arbeitsloser sowie ihre Selbstsicht besondere Bedeutung. Während Arbeiter_innen ihre Arbeit als politisches Kampfmittel einsetzen konnten und ihr Selbstverständnis darauf gründeten, blieb Arbeitslosen dieses Instrument verwehrt. Inwiefern waren also Arbeits- und Erwerbslose Wirkmacht unterlegen und selbst wirkmächtig? Die Tagung nähert sich dieser Frage in drei Formen:

Vorträge: Die historischen Beiträge der Tagung zeigen die Selbstsicht und historischen Handlungsfelder von Arbeitslosen auf und thematisieren den Wandel der Herrschaftsformen sowie der Diskurse über Arbeits- und Erwerbslose. Abschließend stellen gegenwärtige Erwerbs- und Arbeitsloseninitiativen ihre Konzepte vor.

Ausstellung: Studierende der FH Bielefeld präsentieren Poster zu verschiedenen aktuellen Aspekten alltäglicher visueller Kultur der Arbeit und Arbeitslosigkeit.

Stadtrundgang: Ein im Rahmen der Tagung mit Geschichte für Alle e.V. ausgearbeiteter Stadtrundgang führt zu historischen Orten Erwerbs- und Arbeitsloser und zeigt deren Spuren im Raum der Stadt Bamberg auf.

Freitag, 23. Juni

10:00 Uhr: Marc Malischke, Bamberg
Einführung

10:15 Uhr: Marcel Korge, Leipzig
Unterstützung, Reglementierung und Sanktionierung. Die Ausgestaltung des Systems sozialer Sicherung bei „Arbeitslosigkeit“ durch die vormodernen Handwerksorganisationen

11:00 Uhr: Jan Markert, Bamberg
„mußte erst der Souverain verwundet werden ehe solche Maßregeln erreicht werden konnten!“ Kaiser Wilhelm I. und die Soziale Frage im Deutschland des späten 19. Jahrhunderts

11:45 Uhr: Vernissage, Pierre Smolarski und Seminar der FH Bielefeld
Posterausstellung zu visueller Kultur von Arbeit und Arbeitslosigkeit

13:45 Uhr: Harald Rein, Frankfurt
„…denn das Stempeln is uns lieber, als das Schuften auf der Welt!“ Organisation und Selbstorganisation Erwerbsloser in der Weimarer Republik.
14:30 Uhr: Fabian Brändle, Zürich
„Der Kampf um die Existenz“ Strategien schweizerischer Arbeiterinnen und Arbeiter während der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre

15:30 Uhr: Nikolas Lelle, Berlin
„Ich könnte nicht ohne Arbeit sein“ Der Nationalsozialismus und sein Hass auf Arbeitslosigkeit und Nicht-Arbeit

16:15 Uhr: Yves Müller, Hamburg
„Menschen ohne Glück, ohne Arbeit und Brot“? zur Inszenierung von Arbeit und Erwerbslosigkeit in der nationalsozialistischen Sturmabteilung (SA) 1930-1941 unter männlichkeitenhistorischer
Perspektive

17:30 Uhr: Stadtrundgang
zu historischen Orte Arbeits- und Erwerbsloser und Subalterner in der Stadt Bamberg. Der Rundgang wird ausgearbeitet von Jadon Nisly, Alissa Michale und Miriam Schaptke in Kooperation mit Geschichte für Alle e.V.

Samstag, 24. Juni 2017

9:00 Uhr: Marc Malischke, Bamberg
Arbeitslose in der Wirtschaftswunderökonomie? Erwerbslosigkeit zwischen Ausblendung und Steuerungshybris in der westdeutschen Nachkriegsökonomik und Wirtschaftspolitik 1948-1973

9:45 Uhr: Benjamin Bauer, Bamberg
Arbeitszwang als Instrument der Vergangenheitspolitik? Das ehemalige KZ Dachau im Postfaschismus

10:45 Uhr: Sebastian Friedrich, Duisburg-Essen
Am Vorabend des Neoliberalismus: Der Arbeitslos*-Diskurs in der jungen Bundesrepublik am Beispiel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ)

11:30 Uhr: Kyra Palberg, Duisburg-Essen
Praktiken des Nichtstuns. Konstruktionen von Arbeitslosen in der Meinungsforschung

12:30 Uhr Erwerbs- und Arbeitslosenorganisationen
Vorstellung und Diskussion von Handlungsfeldern und Konzepten gegenwärtiger Erwerbs- und Arbeitsloser

14:00 Uhr: voraussichtliches Ende der Tagung

Der Besuch der gesamten Tagung, auch der Vernissage und des Stadtrundgangs, ist kostenlos und jederzeit möglich. Um die Teilnahme am Stadtrundgang abschätzen zu können, bitten wir um eine E-Mail vorab an: geschichtssymposium[a]gmail.com
Weitere Informationen, wie Abstracts und genaue Ortsangaben, gibt es auf unserem Blog.

Call for Abstracts | „Nur wer arbeitet, soll auch essen.“ Zur Kultur- und Sozialgeschichte der Arbeitslosigkeit

Der AK Kritische Geschichte lädt zur Tagung „Nur wer arbeitet, soll auch essen.“ Zur Kultur- und Sozialgeschichte der Arbeitslosigkeit am 23./24. Juni 2017 an der Universität Bamberg ein und ruft zum Einsenden von Abstracts für Vorträge auf. [1] Einsendeschluss für die Abstracts ist der 31. März 2017.

Arbeitslosigkeit als Thema der Geschichtswissenschaften

Ein Blick auf die kurz- und mittelfristigen Folgen der Austeritätspolitik, auf die Debatte um die fortschreitende Automatisierung („Second Machine Age“, bzw. Arbeit 4.0) sowie auf die Globalisierung der Wirtschaft verdeutlicht, dass Arbeitslosigkeit ein entscheidendes Thema der nächsten Jahre und Jahrzehnte sein wird. Mit den Hartz-Reformen der Agenda 2010 fand ein von Klassismus und Abstiegsängsten getragenes Stereotyp des faulen Arbeitslosen auftrieb [2].

Dabei begann die Abwertung der Arbeitslosen als „arbeitsscheues Gesindel“ spätestens infolge der Aufklärung und der kapitalistischeren Produktionsverhältnisse. Obwohl Arbeitslosigkeit ein klassisches Forschungsfeld der VWL und der Soziologie ist, bleibt die Sozial- und Kulturgeschichte der Arbeitslosigkeit und vielmehr noch der Arbeitslosen ein Desiderat. Dabei besitzt insbesondere die Geschichtswissenschaft a) das Potential, die historische Konstruktion gegenwärtiger Stereotype gegenüber Arbeitslosen zu hinterfragen und bietet b) die Möglichkeit, historische Vorläufer im Sinne eines Problemzusammenhangs auf gegenwärtigen Umgang mit Arbeitslosen und Arbeitslosigkeit zu beziehen. Damit erzeugt die Geschichtswissenschaft im Sinne einer Geschichte der Gegenwart notwendiges historisches Wissen zur Dekonstruktion von Stereotypen und eröffnet politische Handlungsmöglichkeiten.

Fragestellungen der Tagung

Die Tagung hat zum einen die Historisierung des aktuellen politischen Umgangs sowie der Deutung von Arbeitslosen und Arbeitslosigkeit zum Ziel. Arbeitslosigkeit ist struktureller Bestandteil kapitalistischer Verhältnisse und auch den ökonomischen Schwankungen unterlegen. Vor diesem Hintergrund erhält die Betrachtung des Zusammenhangs von politischer Ökonomie, Entwicklungen des Kapitals und dem Mentalitätswandel in Bezug auf Arbeitslose und Arbeitslosigkeit besondere Bedeutung. Zum Beispiel: Wie veränderte sich der Blick auf die Arbeitslosigkeit infolge des Gründerkrachs und dem Niedergang des Manchesterliberalismus? Welche Mittel staatlicher Interventionen zur Regulierung der Arbeitslosigkeit und zur „Disziplinierung“ Arbeitsloser wurden im Pauperismus während der ersten Phase der Industrialisierung ergriffen – und welche Mentalität lag den Vorschlägen zugrunde?

Außerdem sollen Beiträge der Tagung die Selbstsicht und historischen Handlungsfelder von Arbeitslosen aufzeigen. Während Arbeiter_Innen ihre Arbeit als politisches Kampfmittel einsetzen konnten und ihr Selbstverständnis darauf gründeten, blieb Arbeitslosen dieses Instrument verwehrt. Als pauperisiertes „Lumpenproletariat“ waren sie bestenfalls in der Peripherie der Arbeitersolidarität angesiedelt. Inwiefern erklärten sich Arbeitslose ihre eigene soziale Situation und welche Mittel politischer Agitation setzten sie ein, um die aus ihrer Perspektive gewonnenen politischen Ziele zu erreichen? So könnte man fragen, ob sich ein Aufblühen von Organisationsformen für Arbeitslose etwa während der großen Depression von 1929 zeigte? Oder welchen Anteil und welche Forderungen hatten Arbeitslose in der Revolution von 1848? Welche Hoffnungen wurden mit dem „Recht auf Arbeit“ bzw. mit dem „Lob der Faulheit“ (Paul Lafargue) verbunden?

Tagungsrahmen

Die Tagung findet am 23./24. Juni in den Räumen der Universität Bamberg statt. Im Vorfeld der Tagung wird ein historischer Stadtrundgang zu Orten Subalterner in der Stadt Bamberg erarbeitet und an einem der beiden Tage angeboten. Im Sinne einer Geschichte der Gegenwart werden auch gegenwärtige Arbeitslosenorganisationen und Initiativen eingeladen und ihnen die Möglichkeit gegeben sich vorzustellen.
Eine Publikation der Tagungsbeiträge in Form eines Sammelbands ist geplant.

Teilnahme

Wir rufen zur Einsendung von Abstracts (ca. 500 Worte) für die Tagung „Nur wer arbeitet, soll auch essen.“ Zur Kultur- und Sozialgeschichte der Arbeitslosigkeit bis zum 31. März 2017 auf. Abstracts sind vorzugweise per E-Mail an: geschichtssymposium[at]gmail.com zu senden.

Studierende und Nachwuchswissenschaftler_innen, die aus historischer Perspektive zum Thema arbeiten sind explizit zur Einsendung von Abstracts aufgerufen. Unsere Tagung soll eine Plattform für alle sein, die gerne ohne die „Pflege der feinen Unterschiede“ [3] ihre Forschungsarbeiten präsentieren und diskutieren möchten. Da die Tagung von den Beiträgen ihrer Referent_innen lebt, freuen wir uns auf dein Interesse.
Die Tagung ist allen interessierten offen und kostenlos. Teilnehmer_innen der Tagung mit eigenem Beitrag erhalten eine Aufwandsentschädigung für Unterkunft und Fahrt während der Tagung.

AK Kritische Geschichte

[1] Der AK Kritische Geschichte ist ein Projekt des AStA Bamberg e.V.. Die Tagung wird in Kooperation mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Petra-Kelly-Stiftung ausgerichtet.
[2] Fritzsche, Julia; Dörfler, Sebastian: Die Verachtung der Armen. Vom Bild des faulen Arbeitslosen zur Figur des »Asylschmarotzers«, in: Blätter 3/16. https://www.blaetter.de/archiv/jahrgaenge/2016/maerz/die-verachtung-der-armen
[3] Hornuff, Daniel: Schafft die Vorträge ab, in: Zeitcampus, 6./9. Oktober 2016. http://www.zeit.de/2016/40/tagung-vortraege-forscher-professoren-rituale

„Nur wer arbeitet, soll auch essen!“

In der VWL und der Soziologie ist Arbeitslosigkeit ein Standardthema. Insbesondere in Krisenzeiten häufen sich die Publikationen. Doch nicht so in der kulturgeschichtlich geprägten Geschichtswissenschaft. Arbeit und „der Arbeiter“ waren zwar ein zentrales Thema der Sozialgeschichte in den 60er und 70er Jahren, Arbeitslosigkeit und Arbeitslose wurden hingegen nur kurz nach der Krise von 1974/75 erforscht. Dabei erschlossen Historiker v.a. die große Depression nach 1929. Doch abseits der Weltwirtschaftskrise ist die deutsche und europäische Geschichte der Arbeitslosigkeit bis heute so gut wie gar nicht aufgearbeitet.

Gleichzeitig verdeutlicht ein Blick auf die Austeritätspolitik oder die Debatte um die fortschreitende Automatisierung („Second Machine Age“) sowie auf die Globalisierung der Wirtschaft, dass Arbeitslosigkeit ein entscheidendes Thema der nächsten Jahre und Jahrzehnte sein wird. Zudem verankerte sich mit den Hartz-Reformen der Agenda 2010 ein von Klassismus und Abstiegsängsten getragenes Stereotyp des faulen Arbeitslosen. Die Ächtung der Arbeitslosen greift das Symposium prominent auf, indem es das Zitat des ehemaligen SPD-Bundesvorsitzenden Franz Münteferings „Nur wer arbeitet, soll auch essen“ im Titel aufnimmt.

Mit unserem nun 4. Symposium: „Nur wer arbeitet, soll auch essen.“ Zur Kultur- und Sozialgeschichte der Arbeitslosigkeit wollen wir diesen Mangel angehen und wagen zugleich einen neuen Schritt: Zum einen planen wir den Ausbau des Symposiums auf zwei Tage, zum anderen wollen wir Geschichtswissenschaft und Politik stärker miteinander verbinden. Das Symposium wird am 23. und 24. Juni 2017 in den Räumen der Universität Bamberg abgehalten.

Das Symposium hat die Historisierung des politischen Umgangs sowie der milieuspezifischen Deutung Arbeitsloser und der Arbeitslosigkeit zum Ziel und verknüpft die Kultur der Arbeitslosigkeit dazu eng mit der Geschichte politischer Ökonomie. Zudem konzipieren wir im Rahmen der Tagung einen Stadtrundgang zu historischen Orten Subalterner in der Stadt Bamberg und wollen gegenwärtigen Arbeitslosenorganisationen und -initiativen die Möglichkeit sich vorzustellen geben. Wir verstehen die Tagung als Geschichtswissenschaft im kritischen Sinn, insofern a) durch das Historisieren der Gegenwart Selbstverständlichkeiten sowie Stereotype gegen Arbeitslose aufgebrochen und in ihrer Verbindung mit der Entwicklung politischer Ökonomie aufgezeigt werden sowie b) die gesellschaftliche Handlungsfähigkeit und Wirksamkeit von Arbeitslosen herausgearbeitet wird. Durch das Verknüpfen historischen Wissens mit politischen Handlungsräumen und Zumutungen von Arbeitslosen in der Gegenwart wollen wir proaktiv in gesellschaftliche Debatten zum Thema Arbeitslosigkeit und Arbeitslose eingreifen.

Um die Tagung zu finanzieren, sind wir derzeit in Gespräch mit mehreren Stiftungen. Sobald das Finanzielle stimmt, werden wir uns mit ein Call melden.

Mit besten Grüßen
AK Kritische Geschichte